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Wo die Seele Halt findet

Soziale Institutionen erhalten vom Kanton Geld, damit sie Menschen mit einer Beeinträchtigung professionell unterstützen. Ein Besuch bei der «dreischiibe» St.Gallen, wo der Schmuck der diesjährigen Weihnachtstanne entstanden ist.

Text Susanne Wahrenberger | Foto Thomas Hary

Wo die Seele Halt findet

Soziale Institutionen erhalten vom Kanton Geld, damit sie Menschen mit einer Beeinträchtigung professionell unterstützen. Ein Besuch bei der «dreischiibe» St.Gallen, wo der Schmuck der diesjährigen Weihnachtstanne entstanden ist.

Text Susanne Wahrenberger | Foto Thomas Hary

Es ist ruhig im Atelier. Die Besucherinnen und Besucher sind ganz in ihre Arbeit vertieft, malen, stricken oder arbeiten mit Holz. So unterschiedlich ihre Arbeiten sind, eines verbindet sie: Die Besuchenden des Tageszentrum leben alle mit einer psychischen Beeinträchtigung, sie haben schwierige Lebensphasen hinter sich. Hier, im Tageszentrum der «dreischiibe», finden sie eine Struktur, Begleitung und ein Stück geregelten Alltag.

Auffallend hier im Atelier: die vielen transparenten Stofftaschen, die überall verstaut sind. Seit Monaten arbeiten die Besuchenden an einem besonderen Auftrag. Die vielen Taschen sind für den grossen Christbaum auf dem Klosterplatz. «Die Stadt hat uns angefragt, ob wir in diesem Jahr den Baum schmücken wollen», sagt Brigit Friedli, Gruppenleiterin im Tageszentrum und Koordinatorin des Projekts. Aber weshalb Taschen? «Wir wollen auf Angehörigen-Arbeit aufmerksam machen. Die Hilfe von Angehörigen ist wertvoll, weil sie die Not von Betroffenen mittragen. Für diese tägliche Arbeit und fürs Mittragen stehen unsere Taschen.» 400 Stoff- und Drahttaschen sind in einem halben Jahr entstanden. 350 sind für den Christbaum, 50 weitere – befüllt mit lokalen Produkten – verschenkt die Stadt an betreuende Angehörige.

Es geht immer um Beziehungsarbeit

Das Atelier ist nur eines der Angebote im Tageszentrum. Bei anderen Angeboten können die Besuchenden in der Küche für den Mittagstisch mitarbeiten, zusammen Sport treiben oder musizieren. Im Zentrum geht es dabei immer darum, den Besuchenden eine Struktur in ihrem Alltag anbieten zu können. «Es geht immer um Beziehungsarbeit», sagt Lionel Monnet, Geschäftsleiter der «dreischiibe». Pro Woche gehen rund 150 Personen im Tageszentrum ein und aus.

Finanziert wird die «dreischiibe» grösstenteils durch kantonale Beiträge, aber sie erhält auch Spenden. Das Tageszentrum in der Stadt St. Gallen ist nur ein Puzzle im breit gefächerten Angebot der «dreischiibe». Zur «dreischiibe» gehören zum Beispiel auch ein Dienstleistungs- und ein Gewerbezentrum mit begleiteten Arbeitsplätzen, und nebst St. Gallen sind auch Herisau und Flawil Standorte, wo die «dreischiibe» mit ihren Institutionen präsent ist. Sie bieten Menschen mit psychischer Beeinträchtigung eine Stelle im zweiten Arbeitsmarkt. So können sie etwas zu ihrer IV-Rente hinzuverdienen. Von der Bäckerei über die Schreinerei bis zur Wäscherei: Die Palette ist breit. «In der Produktion muss man aber belastbar und verlässlich sein. Das ist nicht für alle gleich einfach», sagt Lionel. «Darum gehen wir jeden Schritt langsam und sorgfältig an. So entstehen Erfolgserlebnisse.»

Im Auftrag des Kantons

Der Kanton St. Gallen unterstützt rund 30 Einrichtungen für erwachsene Menschen mit Behinderung. Diese bieten in den Bereichen Wohnen, Tagesstruktur und Arbeiten vielfältige und spezialisierte Angebote für Menschen mit Unterstützungsbedarf. Damit fördert das Amt für Soziales die soziale Teilhabe und unabhängige Lebensführung für Menschen mit Behinderung.

Hektik am Schluss

Zurück im Atelier: Nach der Fertigung sind die Taschen in grossen Paletten verstaut, bereit für ihren grossen Einsatz als Christbaumschmuck. Trotz akribischer Planung ist es am Schluss dann doch noch hektisch geworden: Kurzfristig sollten die Taschen ein Innenleben aus Lichterketten erhalten. Ende November sind die Paletten abgeholt und von Mitarbeitenden der «dreischiibe» auf den Klosterplatz gebracht worden. Am 1. Advent waren dann alle, die genäht, geschnitten oder gefaltet haben, zur Vernissage des Christbaums eingeladen – samt Apéro. «Die Leute sollen sehen, was sie geleistet haben», sagt Brigit. «Solche Erfahrungen und solche Erfolgserlebnisse stärken sie und geben ihnen Kraft.»