St.Gallen, 20. April 1744. Im Kapitelsaal des Klosters sitzen die Mönche dicht gedrängt. Die Stimmung ist angespannt – kein Wunder: Ein wichtiger Entscheid steht an, Streit liegt in der Luft. Nach einer schwierigen und entbehrungsreichen Zeit in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts geht es mit dem Kloster wieder aufwärts. Gleich drei Grossprojekte stehen an: der Bau eines Kornhauses in Rorschach, eine neue Krankenabteilung im Kloster – und eine längst überfällige neue Klosterkirche. Aber was sollte zuerst gebaut werden?
Die alte Klosterkirche ist in desolatem Zustand, ein Flickwerk aus frühem und spätem Mittelalter – ein fast peinlicher Gegensatz zu den barocken Prachtbauten rund um den Bodensee. Wer Rang und Namen hat, zeigt sich dort in Stuck und Gold – nur St.Gallen hinkt hinterher. Den damaligen Vorsteher des Klosters, Fürstabt Coelestin Gugger von Staudach, sticht das. Insgeheim wünscht er sich, dass auch sein Kloster architektonisch wieder glänzt.
Mönche sind pragmatisch
Doch er braucht die Zustimmung seiner Mönche. Und die denken pragmatisch. Die Luft an der Kapitelversammlung im April 1744 ist zum Schneiden. Trotzdem fällt der Entscheid überraschend klar aus: Priorität hat das Kornhaus in Rorschach. Die Bevölkerung braucht Sicherheit. Getreidevorräte sind Leben. Alles andere kann warten.
Ein Jahr später präsentiert Baumeister Johann Caspar Bagnato seine Pläne; der Bauplatz in Rorschach wird vermessen – und trotzdem zögert Coelestin. Soll er nicht doch zuerst die Kirche bauen? Oder das Spital für die Brüder?
Er ruft die patres seniores, die ältesten und erfahrensten Mönche, am 28. November 1745 erneut zusammen. In seinem Tagebuch hält er fest, dass er sein Gewissen sichern wolle – denn es gehe um grosse Ausgaben und um grosse Verantwortung. Die Antwort der Alten ist eindeutig: Alle, bis auf einen, wollen das Kornhaus – ad bonum publicum et solatium pauperum. Für das Wohl der Allgemeinheit und den Trost der Armen. Coelestin folgt dem Rat und beginnt den Bau.
Und die Geschichte sollte den Mönchen recht geben. Während der schrecklichen Hungersnot von 1770/71 lässt Coelestins Nachfolger, Fürstabt Beda Angehrn, in Venedig ägyptisches Korn kaufen. Über die Bündner Pässe und den Brenner wird es nach Rorschach ins neu errichtete Kornhaus gebracht – ein logistisches Meisterstück!
Hungersnot vermieden
Von dort verteilt Beda das Korn an die hungernde Bevölkerung, insbesondere im reformierten Toggenburg. Eine beispiellose humanitäre Rettungsaktion, die das Kloster fast in den Ruin treibt. Aber sie rettet unzählige Menschenleben. Beda wird später «der Gütige» genannt.
Nach dem Bau des Kornhauses folgen dann auch die anderen Projekte: 1755 die Klosterkirche, 1758 das Spital samt Stiftsbibliothek – heute das UNESCO-Weltkulturerbe.