Barbara, wenn du dich in deine eigene Schulzeit zurückversetzt: Welche Bilder mit Bezug auf deine eigene politische Bildung hast du im Kopf?
Barbara Spieler: Ich habe in Rorschach am «Semi» die Ausbildung zur Primarlehrerin absolviert. Dort war Walter Fuchs mein Klassenlehrer. Er war damals SP-Kantonsrat und Präsident der Kantonalpartei. Und ich erinnere mich an angeregte Diskussionen in seinem Unterricht. Das hat mich politisiert.
Ist das nicht problematisch, wenn ein Parteipolitiker vor der Klasse steht?
Heute wäre eine derart klare politische Ausrichtung wahrscheinlich brisanter. Ähnliche Fälle wurden in jüngerer Vergangenheit auch schon scharf kritisiert.
Sollen Lehrpersonen ihren Schülerinnen und Schülern denn Wissen oder Haltung mitgeben?
Wissen führt zu Haltung. Ich finde es nicht schlecht, wenn bei Lehrpersonen eine Haltung spürbar ist – und nicht alles Wischiwaschi ist. Ich bin aber ziemlich vorsichtig.
Inwiefern?
Wenn mich Lernende fragen, wie ich in einer Sachfrage abstimmen würde, dann sage ich ihnen, was ich finde und welche Gründe ich für meine Position habe. Aber ich sage ihnen auch, dass man auch zu einem anderen Schluss kommen kann und dass ich das respektiere.
Also geht es um Transparenz?
Ja, darum, dass man fassbar ist als Persönlichkeit, ohne Schülerinnen und Schüler in eine bestimmte politische Schiene drängen zu wollen.
Du unterrichtest Allgemeinbildung. Was ist das
eigentlich?
Der allgemeinbildende Unterricht umfasst zwei Fächer: Gesellschaft sowie Sprache und Kommunikation. Die Fächer werden übergreifend in den drei Lektionen pro Woche unterrichtet. Wir haben eine grosse Bandbreite mit verschiedenen Themen von Politik über Wirtschaft und Recht bis hin zu Ökologie, Ethik, Identität und Sozialisation. Interessant ist: Wenn wir genau hinschauen, ist die Politik in all diesen Themenbereichen enthalten.
Du unterrichtest am KBZ St. Gallen angehende Drogistinnen. An deinen ehemaligen Berufsschulen waren es Schreiner, Bodenleger, Konditorinnen, Lastwagenchauffeure. Keine Politologinnen und Staatswissenschaftler. Was sollen sie am Schluss ihrer Ausbildung politisch auf dem Kasten haben?
Die meisten werden wohl tatsächlich nie Politologinnen und Politologen, auch wenn das durchlässige Bildungssystem überraschende Laufbahnen ermöglicht. Aber sie sind Teil dieser Gesellschaft, sie sind Stimmbürgerinnen und Stimmbürger. Sie engagieren sich vielleicht in Vereinen oder sonst in der Zivilgesellschaft. Deshalb ist es sehr wichtig, dass sie Bescheid wissen. Und wer weiss, vielleicht sitzt ja einmal jemand im Bundesrat! (lacht)
Ein Grundwissen über Politik und Institutionen ist so oder so mehr als «nice to have», sondern wichtig für das Funktionieren unserer Demokratie. Hand aufs Herz: Wo stehen wir aktuell?
Bei der Wissensvermittlung stelle ich keine grossen Schwankungen fest, die Ziele sind im Lehrplan klar definiert und daran orientieren wir uns. Beim Interesse der Schülerinnen und Schüler stelle ich hingegen fest, dass es zugenommen hat.
Warum?
Ich glaube, das hat mit der aktuellen Weltlage zu tun. Es ist nicht mehr alles selbstverständlich, entsprechend kann man sich weniger gut zurücklehnen und sagen: Das interessiert mich alles nicht.
Wie äussert sich das?
Ich höre von Lernenden oft, dass sie dankbar sind, dass sie hier leben und Möglichkeiten haben, die anderen verwehrt sind. Es ist aber ein Bewusstsein dafür da, dass sich das auch ändern könnte.
Das Interesse an Demokratie hat bei den Schülerinnen und Schülern zugenommen.
Gerade junge Menschen haben sich in den letzten Jahren vom Konsum klassischer Medien in grosser Zahl verabschiedet. Der Algorithmus von Tech-Plattformen entscheidet vorwiegend, was sie zu sehen bekommen. Ist das eine Herausforderung in der politischen Bildung?
Ich frage mich: Haben sie sich wirklich wegen Social Media von traditionellen Medien verabschiedet? Ich bezweifle das. Ich habe in dem Alter auch keine Zeitung gelesen, auch wenn sie zuhause auf dem Tisch lag. Und schon gar nicht den Politikteil. Es hat mich schlicht nicht interessiert. Aber es stimmt schon, auf Social Media kommen sie mit seltsamen Inhalten in Kontakt.
Was ist in diesem Zusammenhang wichtig?
Im neuen ABU-Lehrplan erhält genau das mehr Gewicht. Dort gibt es Schlüsselkompetenzen, und die erste davon lautet: «Zwischen relevanten und irrelevanten Quellen und Inhalten unterscheiden». Ich freue mich darauf, noch stärker mit den Lernenden an diesem Thema zu arbeiten.
Welche Unterrichtsformen funktionieren deiner Einschätzung nach besonders gut in der politischen Bildung?
Zum Beispiel Debatten oder Planspiele, in denen Schülerinnen und Schüler eine bestimmte Rolle einnehmen und Entscheidungen treffen müssen. Da kommen auch Emotionen hoch (lacht). Genau deshalb lässt sich das aber so gut auf die reale Politik adaptieren. Wir müssen Betroffenheit auslösen. Wenn wir ein Thema vermitteln, müssen die Lernenden merken: Das geht mich etwas an.
Das trifft wahrscheinlich auf die Politik als Ganzes zu.
Ja, aber es geht noch weiter. Wir möchten nicht, dass alle nur bis zur eigenen Nase denken, sondern sich auch fragen: Was ist besser für das grosse Ganze, die Gesellschaft? Da sehe ich auch eine Herausforderung im Umgang mit Social Media.
Warum?
Filterblasen führen zu einer Polarisierung, und dadurch fällt es vielen schwer, über die eigene Betroffenheit hinaus zu denken.
Zum Abschluss: Was sollen deine Schülerinnen und Schüler mitnehmen – fürs Leben, nicht nur für die Prüfung.
Bei uns an der Berufsschule ist es so, dass die Lernenden für einen Beruf ausgebildet werden. Der allgemeinbildende Unterricht hat wenig damit zu tun, sondern ist Bildung für sie selbst – Persönlichkeitsbildung. Sie sollen sich klar werden über sich selbst und sich Sorge tragen. Und sich daraus hinaus engagieren für ihr Umfeld und die Gesellschaft – in welcher Form auch immer.