Marie, Margrith Bigler-Eggenberger war die erste St.Galler Richterin, genau hier am Versicherungsgericht, wo du auch arbeitest. Hat sie hier auch Spuren hinterlassen?
Spontan fällt mir Folgendes ein: Als sie hier arbeitete, waren die Urteile reine Aktenentscheide, gewissermassen Entscheide vom Bürotisch aus. Das hat sie nicht überzeugt. Sie hat dann die Erlaubnis erhalten, auch einen Augenschein bei den Leuten zu Hause nehmen zu können, mit ihnen zu reden. Es ging dabei um Hilflosenentschädigung. Das gab eine völlig andere Basis für Urteile. Von diesem Geist hat sich etwas gehalten: Bis heute ist das Versicherungsgericht St.Gallen eines, das sehr darauf bedacht ist, genau abzuklären.
1974 wurde Margrith Bigler-Eggenberger dann Bundesrichterin. Wie war sie als Mensch?
Sie war eine kleine, feine Person und immer sehr freundlich. Und sie war ein Mensch, der sehr bescheiden aufgetreten ist. Das kontrastiert mit der Grösse und Macht ihres Amtes. Es ging ihr nie um sich selbst, sondern immer um die Sache. Und sie hatte einen tiefen Sinn für Gerechtigkeit. Dafür hat sie gearbeitet und gekämpft.
Ihre Wahl ans Bundesgericht war umstritten, es gab starke Widerstände. War das eher, weil sie eine Frau oder weil sie eine SPlerin war?
Die Art und Weise, wie man gegen sie vorgegangen ist, das war typisch dafür, wie man mit einer Frau umsprang. Es war eine Schlammschlacht. Natürlich ging es auch darum, dass sie eine Rote ist. Aber wie man versucht hat, sie in die Pfanne zu hauen, sie klein gemacht hat und gegen sie intrigiert hat, das richtete sich gegen sie als Frau. Ihre Widersacher wollten keine Frau als Bundesrichterin.
«Ihre Widersacher wollten keine Frau als Bundesrichterin.»
Auch später am Bundesgericht hatte sie Widerstände. Sie blieb 17 Jahre die einzige Frau dort. Hinterlässt das nicht Spuren?
Genau das habe ich mich auch gefragt: Wie schafft ein Mensch das? Nicht alle waren gegen sie am Gericht, sie hatte auch Freunde. Aber ich denke, es geht im Kern wiederum darum, dass sie sich stark auf die Sache konzentrierte. Und ich glaube, sie bezog viel Energie aus ihrem Kampf um Gerechtigkeit. Verbitterung zeigte sie offenbar nie, trotz Widerständen und trotz Niederlagen. Das bezeugen auch Leute, die mit ihr zusammenarbeiteten.
Was war ihr grösster Einfluss?
Ich glaube, ihr wichtigstes Thema war die Gleichstellung von Mann und Frau. Ich denke, dass letztlich auch ich «auf ihren Schultern stehe». Dass ich vor 26 Jahren Richterin geworden bin, dass ich heute Vizepräsidentin bin, hat direkt mit ihr zu tun. Sie war die Vorkämpferin.
Faktencheck: Wie hoch ist der Frauenanteil hier am Versicherungsgericht?
Zwei Männer, sieben Frauen. In Stellenprozenten: 510 Prozent für Frauen, 155 für Männer.
«Margrith Bigler-Eggenberger hat das Feld bereitet. Sie hat gezeigt, dass Richterin sein für Frauen möglich ist.»
Margrith Bigler-Eggenberger ist ein Vorbild für dich?
Ja sicher. Zu ihrer Zeit gab es noch viele öffentliche Beratungen am Bundesgericht. Als junge Anwältin hatte ich damals einen Fall am Bundesgericht: eine Scheidung, es ging um das Besuchsrecht für die Kinder. Meine Klientin war bei der öffentlichen Urteilsberatung dabei. Sie hat erzählt, dass Margrith Bigler-Eggenberger sie freundlich angelächelt hat. Das war zutiefst menschlich. Genau darum geht es: um den Menschen, nicht um die Dinge, auch und gerade am Sozialversicherungsgericht. Natürlich ist sie ein Vorbild.
Eine junge Frau fragt dich: Warum soll ich Margrith Bigler-Eggenberger kennen – was antwortest du?
Sie ist vorangegangen. Sie hat das Feld bereitet. Sie hat gezeigt, dass Richterin sein für Frauen möglich ist.