Andrea weiss, wie es sich anfühlt, wenn man nicht mehr weiterweiss und die Welt um einen zusammenbricht. Ein Burnout warf sie 2012 aus der Bahn und führte zu einem Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik. Mit ihrer Krise ist Andrea nicht allein: Je nach Umfrage fühlt sich ein Fünftel bis ein Drittel der Schweizer Bevölkerung durch psychische Probleme beeinträchtigt. Die Hürde, Hilfe zu suchen, ist hoch, die Wartezeiten für Therapieplätze oft lang. Und vielen fällt es schwer, offen darüber zu sprechen. Auch Andrea schämte sich anfangs für ihre Geschichte. Irgendwann hat sie gemerkt, dass ihre Erfahrungen etwas Wertvolles sind: «Ich kann damit anderen Menschen Hoffnung geben.» Sie beginnt eine Ausbildung zur Genesungsbegleiterin (siehe Box) bei der Pro Mente Sana. Die einjährige Schulung beinhaltet nicht nur eine intensive Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte. Die Teilnehmenden lernen auch, eine Aussenperspektive einzunehmen und ihre Erfahrungen als Werkzeug einzusetzen.
«Während meiner Krise hätte ich mir gewünscht, dass mir jemand auf Augenhöhe sagt, dass ich da wieder rauskommen kann.» Genau das setzt Andrea nun seit zehn Jahren in ihrer Arbeit als Peer um. Als Expertin aus Erfahrung begleitet die 45-Jährige Menschen in schwierigen Lebensphasen. Dabei sieht sie sich nicht als Ersatz für andere Fachpersonen, sondern als Ergänzung.
In mehreren Kliniken und anderen Institutionen hat sie beim Aufbau des Peerangebots mitgeholfen. Wie gut funktioniert die Zusammenarbeit mit Pflegefachleuten oder Therapeut*innen? «Je mehr sie über Peerarbeit wissen und je klarer die Rollen voneinander abgegrenzt sind, desto besser», ist Andreas Erfahrung. Deshalb ist es ihr besonders wichtig, jeweils das gesamte Team von Anfang an miteinzubeziehen.
Seit 2023 arbeitet Andrea für das Projekt des Kantons, der Peerberatung SG (siehe Interview). Auch hier hat sie schon bei der Entwicklung des Angebots mitgewirkt. An diesem Projekt schätzt sie besonders die Flexibilität. Bei einem ersten Treffen erarbeiten Peer und Klient*in einen Beratungsauftrag: Was ist das Ziel der Person? Möchte sie einfach reden oder konkret etwas tun, zum Beispiel gegen ihre Einsamkeit? «Vielleicht finden wir gemeinsam einen passenden Verein oder eine Selbsthilfegruppe, um wieder mit anderen Menschen in Kontakt zu kommen», erzählt Andrea. Auch den Ort der Beratung dürfen die Klient*innen selbst wählen. Oft treffe sie die Personen zu einem Spaziergang oder in einem Café. «Dabei achte ich darauf, dass die Tische weit genug auseinanderstehen.» Die Vertraulichkeit ist wichtig.
Andrea hat auch schon mal jemandem mit Hang zum Messietum geholfen, die Wohnung auszumisten. Oder sie geht mit einer Person einkaufen, die damit Probleme hat. «Ich bin da sehr offen. Aber wir Peers können auch jederzeit Nein sagen, wenn uns etwas zu weit geht.» Eine klare Grenze gibt es für alle Peers: «Bei akut suizidalen Personen sind wir nicht die Richtigen.»
Zum Abschluss jeder Beratung fragt Andrea nach, was die Klient*in davon mitnimmt und was sie sich vielleicht anders wünschen würde. «Ich lerne von jeder Begegnung dazu.» Beim Einordnen von Erfahrungen helfen ihr auch der Austausch mit den anderen Peers und die Supervision, die zum Projekt gehört.
Andrea macht ihren Job als Peer mit grossem Engagement. Gleichzeitig hat sie gelernt, eine gewisse Distanz zu wahren – auch in der Sprache. «In der Schweiz ist es üblich zu sagen: ‹Ich bin…›, wenn wir über unseren Beruf sprechen. Ich sage mittlerweile lieber: Ich arbeite als…». Denn obwohl sie ihre Arbeit sehr gerne macht, ist für sie eines wichtig: «Aber ich bin nicht meine Arbeit, ich bin Andrea.»
Früher habe sie sich stark über ihre Arbeit definiert. Nach ihrem Burnout stellte sich zum ersten Mal die Frage: Was interessiert mich eigentlich sonst noch? «Ich musste lernen, solchen Dingen wieder Raum zu geben», erzählt sie. Heute findet sie vor allem in der Natur neue Energie. Aktuell absolviert Andrea einen Wildkräuterkurs: «Mit Pflanzen kann ich mich stundenlang beschäftigen», erzählt sie und strahlt.
Was bedeutet Peer oder Genesungsbegleiter*in?
Der Begriff Peer kommt aus dem Englischen und bedeutet so viel wie Gleichwertige oder Ebenbürtige. Als Peer, Genesungsbegleiter*in oder Expert*in aus Erfahrung werden Personen bezeichnet, die mithilfe ihres eigenen Erfahrungsschatzes andere Betroffene beraten. In einer Weiterbildung haben Peers gelernt, ihre persönlichen Erfahrungen mit der eigenen Erkrankung zu reflektieren und diese als Ressource einzusetzen. Peers arbeiten in Kliniken und Institutionen oder auch ambulant, wie beim Projekt Peerberatung SG. Peerberatung gibt es nicht nur im Bereich psychische Gesundheit, sondern auch bei anderen Erkrankungen oder Behinderungen.
Wichtig für ihre psychische Stabilität sei auch, die eigenen Frühwarnzeichen zu erkennen «Wenn ich nicht mehr essen oder gut schlafen kann, weiss ich, jetzt muss ich aufpassen.» Diese Achtsamkeit möchte Andrea auch anderen vermitteln. Als drittes Standbein neben ihrer Arbeit in Institutionen und bei der Peerberatung SG bietet sie Workshops und Vorträge zum Thema psychische Gesundheit an. Sie geht zum Beispiel in Schulklassen und tauscht sich dort mit Jugendlichen aus. Und sie schult Lehrpersonen darin, Frühwarnzeichen für psychische Krisen zu erkennen: zu ihrem eigenen Schutz vor einem Burnout und auch, um Probleme bei Schülerinnen und Schülern frühzeitig wahrzunehmen. Die Prävention ist eine Herzensangelegenheit für Andrea: «Wir müssen über die psychische Gesundheit reden, und zwar nicht erst dann, wenn jemand bereits in einer Krise steckt.»
«Peerberatung ist Pionierarbeit»
Der Kanton unterstützt das Projekt Peerberatung SG, das seit 2025 vom Kompetenzzentrum für Psychische Gesundheit der Fachhochschule OST durchgeführt wird. Simon Meier vom Amt für Soziales begleitet die Umsetzung vonseiten des Kantons.
Wie unterstützt die Peerberatung SG Menschen in psychischen Krisensituationen?
Mit der Peerberatung wird eine niederschwellige Anlaufstelle geboten. Für die erste Kontaktaufnahme reicht ein Anruf oder eine Nachricht. Danach sind bis zu sechs Gespräche pro Jahr möglich. Die Kosten sind mit fünf Franken pro Beratung bewusst tief gehalten, die restlichen Kosten trägt der Kanton. Aktuell arbeiten sieben Peers für das Projekt, im letzten Jahr haben sie insgesamt rund 150 Beratungen geleistet.
Welche Vorgeschichte hat das Projekt?
Mit der Ratifizierung der Behindertenrechtskonvention der UNO hat sich die Schweiz zur Förderung der Peerberatung verpflichtet. Die Umsetzung liegt unter anderem bei den Kantonen. Der Kanton St.Gallen evaluiert seine Behindertenpolitik alle fünf Jahre in einem Wirkungsbericht. Auf dieser Grundlage werden Massnahmen abgeleitet. Der aktuelle Bericht von 2024 sieht vor, Peers bei Beratungsangeboten miteinzubeziehen.
Auf welche Hürden seid ihr bei der Umsetzung dieses Projektes gestossen?
Wir mussten intern und extern viel Aufklärungsarbeit leisten. Viele Leute wissen nicht, was Peerarbeit ist. Die Haltung, dass nur «Fachpersonen» Menschen in Krisen helfen können, ist weit verbreitet. In der Peerarbeit durchbrechen wir dieses Bild und zeigen, dass Personen, die selbst betroffen sind, eine wertvolle ergänzende Unterstützung zu den etablierten Beratungsangeboten bieten können.
Wo siehst du noch Entwicklungspotenzial in der Peerarbeit?
Wir sind dabei herauszufinden, welche Voraussetzungen es braucht, damit die Peerberatung ihre Wirkung bestmöglich entfalten kann. Im Moment leisten wir noch Pionierarbeit. Aktuell wird eine Auslegeordnung für den Bereich der Ausbildung erstellt – noch gibt es keine Standards dafür. Dabei ist eine gute Ausbildung essenziell: Betroffenheit allein macht noch keinen Peer, man muss für diese Rolle geschult werden. Ausserdem wollen wir die Vernetzung der Organisationen, die mit Peers arbeiten, stärken. Damit alle gegenseitig von den Erfahrungen der anderen profitieren können.
Mehr zum Projekt erfährst du unter www.peerberatung-sg.ch.