Das Geschäft mit der käuflichen Liebe

Olivia Meier Praktikantin Kommunikation, Bau- und Umweltdepartement

Das Geschäft mit der käuflichen Liebe

Olivia Meier Praktikantin Kommunikation, Bau- und Umweltdepartement

Liebe kann man nicht kaufen. Sexuelle Dienstleistungen schon. Übliche schummrige Rotlichtvorurteile haben bei der Beratungsstelle «MariaMagdalena» jedoch nichts zu suchen. Hier gilt vielmehr: Sexarbeit ist Arbeit.

Der Internet-Suchverlauf der Mitarbeitenden von «MariaMagdalena» würde die meisten von uns wohl irritieren: Er zeigt die einschlägigen Lokale und Adressen von Anbieter*innen von sexuellen Dienstleistungen im Kanton. Das hat gute Gründe, denn das Beratungsteam muss über diese Lokale auf dem Laufenden bleiben. Nur so erreichen es seine Zielgruppe: Personen im Sexgewerbe. Prostitution ist in der Schweiz legal. Trotzdem bleibt sie oft ein Tabuthema. «MariaMagdalena» versucht dem entgegenzuwirken und setzt sich gegen eine Stigmatisierung der meist weiblichen Sexarbeiter*innen ein. Berührungsängste mit dem Thema Prostitution darf
man auf der Beratungsstelle nicht haben, erklärt Martina Gadient, Fachbereichsleiterin «Sucht und Sexual Health» beim Gesundheitsdepartement. Schliesslich berät das Team die Sexarbeiter*innen unter anderem direkt an deren Arbeitsort. Es ist seit der Gründung vor 22 Jahren aber schwieriger geworden, mit den Sexarbeiter*innen ins Gespräch zu kommen. Die Sexarbeit ist im Wandel, klassische Kontaktbars werden weniger, viele Sexarbeiter*innen bieten ihre Dienste in privaten Wohnungen an. Das hat Konsequenzen für die aufsuchende Präventionsarbeit. «MariaMagdalena» verstärkt deshalb die digitale Präsenz mit einer neuen Webseite und einem Social-Media-Auftritt.

Immer wieder aufklären

Hauptziel der Beratungsstelle ist es, die Zahl der Ansteckungen mit sexuell übertragbaren Infektionen zu vermindern. Es werden Gratistests vermittelt und damit auch für die anschliessende Behandlung der Infektionskrankheiten gesorgt. «Persönliche Moralvorstellungen sind dabei fehl am Platz. Unsere Aufgabe ist es nicht zu missionieren, sondern zu informieren», erklärt Martina Gadient. Eine Aufgabe, die Ausdauer braucht: «Wir fangen mit unserer Präventions- und Aufklärungsarbeit immer wieder von vorne an. Die Sexarbeitenden wechseln ständig, viele arbeiten nur vorübergehend hier, neue Personen kommen hinzu.» Aus diesem Grund startete 2020 ein Projekt, das nicht bei den Sexarbeiterinnen, sondern bei deren Stammkundschaft ansetzt: den Freiern. Ein Sozialarbeiter sucht die Freier direkt in den Lokalen auf und platziert Präventionsbotschaften in Foren und über Social Media. Das Projekt hatte einen schwierigen Start. Zwei Monate nach Projektbeginn kam Corona. Viele Kontaktbars blieben geschlossen, eine Kontaktaufnahme war praktisch unmöglich.

«Unsere Aufgabe ist es nicht, zu missionieren, sondern zu informieren.»

Corona verändert Fokus der Beratung

«Die Sexarbeiter*innen durften zwar arbeiten, hatten jedoch fast keine Kundschaft. Das hat zu grossen wirtschaftlichen Nöten geführt», berichtet Gadient. Die Beratungsstelle leistete während der Pandemie nicht nur Sachhilfe, sondern half den Sexarbeiterinnen, die Massnahmen einzuhalten und ihre Rechte wahrzunehmen. Eine aufwändige Arbeit, die sich lohnt. «Viele Sexarbeitende litten unter grosser existenzieller Not, konnten zum Teil nicht in ihr Heimatland zurück und waren schlichtweg auf Hilfe wie Essensgutscheine angewiesen», erinnert sich Martina Gadient. Viele Personen im Sexgewerbe berichten, dass sich das Geschäft aufgrund des Coronavirus bis heute nicht erholt hat. Sie sind nach wie vor sehr dankbar für Unterstützung.

Ein Job, der Erfahrung und Abgrenzung verlangt


Die Arbeit bei «MariaMagdalena» verlangt fachliche und soziale Kompetenzen sowie professionelles Verhalten – auch in heiklen Situationen. «Man muss für schwierige Themen gewappnet sein und sich abgrenzen können.
Unsere erfahrenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind deshalb Gold wert», betont Gadient. Sich abgrenzen heisst auch, sich der eigenen Rolle und Aufgabe bewusst zu sein: «In Gefährdungssituationen greifen wir ein. Zum Beispiel, wenn wir einen klaren Verdacht auf Menschenhandel haben, was zum Glück selten vorkommt. Aber wir sind keine Informantinnen für die Polizei oder andere Behörden. Sonst verlieren wir das Vertrauen unserer Zielgruppe und können unsere Aufgabe nicht erfüllen», sagt Gadient. Das würde nicht nur den Sexarbeiter*innen, sondern auch der Gesellschaft schaden.

«MariaMagdalena» untersteht dem Kantonsarztamt. Martina Gadient, Fachbereichsleiterin «Sucht und Sexual Health», obliegt die Leitung. Die Beratungsstelle möchte die Gesundheit und Lebensqualität von Sexarbeiter*innen optimieren und leistet durch Aufklärung und Abgabe von Gratistests einen Beitrag zur Prävention von sexuell übertragbaren Infektionen. Ein Team aus einer Psychologin, zwei Sozialarbeiterinnen
und einem Sozialarbeiter informiert, berät und begleitet Personen im Sexgewerbe.