Barbara, du warst schon mal Amtsleiterin im Justizvollzug – weshalb bist du zurückgekehrt?
Im Justizvollzug sind zurzeit wichtige Projekte in Planung und Umsetzung. Es ist mir ein grosses Anliegen, dass diese gut vorankommen. Das war der Hauptgrund, wieder in die Amtsleitung zu wechseln. Hier kann ich unmittelbar Einfluss nehmen auf diese Projekte, sie vorantreiben und sie gestalten.
Welches ist das wichtigste Projekt?
Mir liegt im Strafvollzug vor allem der Einbezug der Angehörigen am Herzen. In einem modernen Vollzug sollte es zum Alltag gehören, die Familie und das Umfeld einzubeziehen. Wenn die Väter ihre Familien regelmässig sehen können, wirkt sich das positiv auf den Vollzug aus. Dafür müssen wir unsere Strukturen entsprechend ausbauen und zum Beispiel Familienzimmer einrichten. Zudem müssen wir in unseren Gefängnissen generell ausreichend Plätze schaffen. Zurzeit sind wir mehr oder weniger permanent ausgelastet.
Habt ihr denn genügend Geld dafür?
Nein, das haben wir nicht wirklich. Tatsache ist, dass unser Personalschlüssel deutlich unter den Empfehlungen des Bundesamtes für Justiz liegt. Aber es ist ja auch in anderen Ämtern eng.
Du bist seit bald zehn Jahren im Justizvollzug.
Was fasziniert dich daran?
Die Menschen! – Menschen im Freiheitsentzug sind in einer schwierigen Situation. Sie sollen sich hier entwickeln und vorbereiten können, damit sie später ein funktionierender Teil der Gesellschaft sind und sich auch als solches fühlen. Diese Arbeit fasziniert mich.
Das ist klassische Sozialarbeit …
Ja. Es geht um Resozialisierung und sie gelingt auch in den meisten Fällen. Andere Länder machen das noch besser, etwa Norwegen. Dort arbeiten mehr Leute in den Gefängnissen und diese können deshalb auch mehr Beziehungsarbeit leisten. Beziehungsarbeit ist das A und O im Vollzug.
«In einem modernen Vollzug sollte es zum Alltag gehören, die Familie und das Umfeld einzubeziehen.»
Der «Knast» als Besserungsanstalt?
… «bessern» ist vielleicht nicht ganz treffend. Aber das Ziel ist schon, dass die Leute an ihren Problemfeldern arbeiten und so eine Chance haben in der Gesellschaft.
Hat es dir nie leidgetan, Menschen einzusperren?
Nein. Mir würde leidtun, wenn die Haftbedingungen schlecht wären und die Leute unter diesen leiden. Es ist tatsächlich so: Wenn man die zum Teil schwierigen Biografien der Inhaftierten liest, dann hat man schon auch Verständnis für sie. Aber das ist nicht «leidtun». Richtig leid tun mir die Familien oder die Kinder, die ohne Vater auskommen müssen.
Gab es schlechte Erfahrungen im «Saxerriet»?
Natürlich, meistens im persönlichen Bereich. Die Inhaftierten haben selbstverständlich ihre Themen, sind manchmal frech oder unmotiviert. Für die Mitarbeitenden ist es dann besonders anspruchsvoll, wenn die Eingewiesenen psychisch auffällig und deshalb schwer berechenbar sind. Das ist belastend. Für mich persönlich war es immer schwierig, wenn die Inhaftierten schlecht behandelt wurden von unseren Mitarbeitenden. Auch das gab es.
«Grundsätzlich gehe ich davon aus, dass sich Menschen ändern können.»
Wie viele büxen aus?
Im «Saxerriet» haben wir einen offenen Strafvollzug. Hier brechen pro Jahr zwischen drei und fünf Inhaftierte aus. Viele kommen aber wieder freiwillig zurück oder melden sich bei der Polizei, weil sie merken, dass es draussen nicht so einfach ist. Das «Saxerriet» liegt etwas abseits und ist mit dem öV nicht so einfach erreichbar. Als ein Geflohener sich nach der Flucht entschlossen hat, wieder zurückzukommen, klaute er am Bahnhof Buchs ein Velo. Als er hier ankam, hat er uns gebeten, das Velo wieder zurückzubringen.
Glaubst du an das Gute im Menschen?
Ja. Grundsätzlich schon. Ich habe nur ganz wenige kennengelernt, bei denen ich keine Chance sah, dass sie sich bessern würden. Grundsätzlich gehe ich davon aus, dass sich Menschen ändern können und dass sie grundsätzlich auch daran interessiert sind, sich zu ändern. Ich werde oft gefragt: Wie kannst du es nur mit diesen Leuten? Meine Antwort: Wir verurteilen nur ihre Tat. Menschen sind nicht rundum schlecht.