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Alt und einsam? Das muss nicht sein

Viele ältere Menschen schämen sich, dass sie an Einsamkeit leiden. Sie ziehen sich zurück und werden deshalb noch einsamer – ein Teufelskreis. Die Fachstelle Gesundheit im Alter hilft, aus diesem Dilemma auszubrechen. Stellenleiterin Karolina Staniszewski erzählt.

Notiert von Karolina Staniszewski | Foto Thomas Hary

Alt und einsam? Das muss nicht sein

Viele ältere Menschen schämen sich, dass sie an Einsamkeit leiden. Sie ziehen sich zurück und werden deshalb noch einsamer – ein Teufelskreis. Die Fachstelle Gesundheit im Alter hilft, aus diesem Dilemma auszubrechen. Stellenleiterin Karolina Staniszewski erzählt.

Notiert von Karolina Staniszewski | Foto Thomas Hary

Einsamkeit im Alter? Ich begegne dem Thema bei meiner Arbeit oft. Besonders eindrücklich sind die Schilderungen von Seniorinnen und Senioren, wie schnell Einsamkeit entstehen kann, etwa nach dem Tod der Partnerin oder des Partners oder wenn die Mobilität stark eingeschränkt ist. Auch die Pensionierung kann schwierig sein. Ein Hausarzt erzählte mir einmal, dass seine Patientinnen und Patienten für ihn wichtige soziale Kontakte gewesen seien. Nach der Pensionierung sei er in ein Loch gefallen und habe sich neue Beziehungen mühsam aufbauen müssen. Schliesslich wissen wir von den Spitex-Diensten: Viele ältere Menschen haben – ausser zur Spitex – kaum mehr soziale Kontakte.

Begegnung ermöglichen – Teilhabe fördern
Viele ältere Menschen ziehen sich zurück, weil sie niemandem zur Last fallen wollen oder sich schämen, über ihre Einsamkeit zu sprechen. Diese Scham erschwert es, Unterstützung anzunehmen oder aktiv Hilfe zu suchen. Genau hier setzen wir mit unserer Arbeit auf der Fachstelle Gesundheit im Alter im Amt für Gesundheitsvorsorge an: Wir wollen das Tabu rund um Einsamkeit brechen und mit den älteren Menschen darüber ins Gespräch kommen.

Einsamkeit betrifft uns alle – und wir alle können ihr etwas entgegensetzen.

Wir unterstützen dabei mit verschiedenen Projekten gezielt soziale Teilhabe. Wir fördern zum Beispiel «malreden – ein telefonisches Gesprächsangebot für ältere Menschen», Erzählcafés oder den Aufbau von Netzwerken in den Gemeinden. Gleichzeitig vermitteln wir Wissen darüber, wie Einsamkeit erkannt und angesprochen werden kann. Unser Ziel ist es, gemeinsam mit Gemeinden, Organisationen und Freiwilligen ein Umfeld zu schaffen, in dem sich ältere Menschen verbunden fühlen – unabhängig davon, wo sie wohnen oder wie mobil sie sind.

Einsamkeit ist ein subjektives, belastendes Gefühl, das entsteht, wenn die eigenen sozialen Beziehungen nicht den persönlichen Bedürfnissen entsprechen. Einsamkeit wird immer negativ empfunden. Darauf zielt auch das Netzwerk «connect!», welches das Thema Einsamkeit auf nationaler Ebene in die öffentliche Diskussion bringt. Der Kanton St. Gallen nimmt hier eine Vorreiterrolle ein. Er gehört zu den ersten Kantonen, die das Thema systematisch aufgegriffen und konkrete Schritte unternommen haben.

Gesundheitliche Folgen nicht unterschätzen
In den Gesprächen mit älteren Menschen zeigt sich immer wieder, dass sich Einsamkeit auch auf die Gesundheit auswirkt – auf die psychische ebenso wie auf die körperliche. Studien bestätigen diesen Eindruck: Menschen, die über längere Zeit stark vereinsamt sind, haben ein erhöhtes Risiko für Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Depressionen und Demenz. 

Ich werde häufig gefragt, ob Einsamkeit generell zunimmt. Aus meiner Sicht deutet vieles darauf hin. Unsere Lebensformen werden individueller, Kontakte weniger selbstverständlich. Familien leben weiter auseinander, Nachbarschaften sind nicht mehr so eng wie früher. All das trägt dazu bei, dass Einsamkeit häufiger wird – gerade im Alter.

Jede und jeder kann etwas beitragen
Ich erinnere mich an eine ältere Frau, die nach dem Tod ihres Mannes kaum mehr das Haus verliess. Durch den wöchentlichen Mittagstisch fand sie wieder Zugang zu anderen Menschen und erzählte, dass dieser für sie «wie ein Fenster zur Welt» geworden sei. Solche Erfahrungen zeigen mir, wie wertvoll einfache Begegnungen sein können. Und wenn wir aufmerksam bleiben und die älteren Menschen in unserem Umfeld wahrnehmen, tragen wir alle dazu bei, dass sie in unserer Gesellschaft eingebunden bleiben.

Es trifft auch Jüngere

Laut der Schweizerischen Gesundheitsbefragung 2022 fühlt sich rund ein Drittel der zu Hause lebenden Menschen über 65 Jahre manchmal oder oft einsam. Besonders betroffen sind Menschen mit wenigen Alltagskontakten, gesundheitlichen Einschränkungen oder nach einem Verlust. Interessanterweise fühlen sich junge Erwachsene mit etwa 60 Prozent noch häufiger manchmal oder oft einsam. Sie verfügen jedoch in der Regel über mehr Möglichkeiten, neue Kontakte zu knüpfen.