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Auf Herz und Nieren prüfen

Wolfgang Neidlinger ist amtlicher Tierarzt beim Kanton und arbeitet an einem Ort, in den kaum jemand Einblick hat. Er leitet die Fleischkontrolle am Schlachthof in Bazenheid, dem grössten Schweineschlachthof der Schweiz.

Text und Bilder Lena Müller

Schlachthof Bild15

05.30

Die Luft ist feucht wie im Tropenhaus. Es ist laut, der dauernde mechanische Lärm des Förderbands wird immer wieder vom Kreischen einer Säge durchschnitten. Der Geruch ist schwer einzuordnen, eine Mischung aus verbranntem Horn und Schweinestall. Die Fleischkontrolleure stehen auf ihren Posten bereit, die Plastik-Schürze um den Hals, den Gehörschutz montiert, die Messer frisch geschliffen. Am Förderband fahren erste geschlachtete Schweine an ihnen vorbei.

«Amtliche Fachassistenten Fleisch», kurz «AFAs» lautet ihre offizielle Bezeichnung. Sie sind beim Kanton angestellt. Gemeinsam mit den amtlichen Tierärzten überprüfen sie die Einhaltung der gesetzlichen Vorgaben rund um den Schlachtprozess. Im Fokus stehen dabei vor allem der Tierschutz, die Tiergesundheit und die Lebensmittelsicherheit.

Wolfgang Neidlinger ist seit einer halben Stunde im Einsatz. Er hat bereits kontrolliert, ob die Schlachthalle am Vortag sauber gereinigt wurde und ob die Betäubung der Tiere reibungslos funktioniert. Der frühe Start in den Tag gehört nicht zu den Lieblingsseiten seines Jobs. «Ein, zwei Stunden später wären auch okay», lacht Wolfgang, der seit anderthalb Jahren die Fleischkontrolle in Bazenheid leitet. Trotzdem ist der bald 60-jährige Deutsche begeistert von seiner Arbeit: «Meine Aufgaben sind so vielseitig, dass die Tage ruckzuck rumgehen.»

06.25

Die AFAs machen eine erste kurze Pause. Für Wolfgang heisst das: Ablösen der Kollegen bei der Schlachtvieh-Annahme. Hier beginnt der letzte Abschnitt des rund sechsmonatigen Lebens eines Schlachtschweins.

Beim Abladen der 40 bis 45 Lastwagen pro Tag wird kontrolliert, ob der Transport den Tierschutz-Vorschriften entspricht und ob kein Schwein sichtbar krank oder verletzt ist. Danach können sich die Schweine im Stall vom Transport ausruhen.

Vom Stall führt ein schmaler Gang weiter zur Betäubungsanlage. Das Licht ist schummrig-grün, das soll beruhigend wirken. Die Schweine werden mit CO2 betäubt. Dieses Gas ist schwerer als Luft, deswegen fahren die Tiere in Fünfergruppen mit einer Art Liftgondel ein Stockwerk tiefer. 

Für die Betäubung und die Tötung gibt es genaue gesetzliche Vorschriften, damit Schmerzen, Leiden und Angst für die Tiere auf ein Minimum reduziert werden. Mindestens 100 Sekunden in der Betäubungsanlage sind vorgeschrieben. Dann sind die Tiere sicher bewusstlos und spüren keine Schmerzen mehr. Die Mitarbeitende des Schlachthofs hängen sie an den Hinterbeinen am Förderband auf und setzen den Entblutungsstich am Hals. Erst nach dem Entbluten gelten die Tiere als tot.

08.30

Zurück in der grossen Schlachthalle löst Wolfgang seine Kollegen am Fliessband ab. Seit dem Entblutungsstich wurden den Schweinen die Borsten entfernt, die Organe entnommen und ihre Körper halbiert. Diese Arbeiten erledigen die Mitarbeitenden des Schlachtbetriebs sowie drei Roboter. Die kantonalen Fachleute überprüfen danach am Band jedes einzelne Tier auf seine Tauglichkeit als Lebensmittel – 360 Schweine pro Stunde, rund 2800 pro Tag.

09.00

Tiere mit Abszessen oder Krankheitsanzeichen schleusen die Kontrolleure aus der Schlachtlinie aus. Nach der Ablöse am Band hat Wolfgang Zeit, die Schlachttierkörper in Ruhe anzuschauen. Auf Basis von gesetzlichen Vorgaben entscheidet er, ob sie weiterverarbeitet werden dürfen oder teilweise oder ganz entsorgt werden müssen.

Zusätzlich zur Einzeltierkontrolle am Band entnehmen Wolfgang und sein Team auch rund 2000 Blut-, Fleisch- und Organproben jährlich. Für den Transport ins Labor müssen sie die Proben mehrfach verpacken,
damit sie unterwegs nicht auslaufen oder verderben können. Im Labor werden die Proben unter anderem auf gewisse Tierseuchen oder auf antibiotikaresistente Keime untersucht.

09.45

Znünipause. In der Kantine riecht es nach gebratenem Fleisch. «Znüni isch Zmittag», erklärt Wolfgang lachend. Logisch, bei dem frühen Arbeitsbeginn. «Ich bin bekennender Fleischliebhaber, meine Favoriten sind die typisch schweizerischen Gerichte: Ghackets mit Hörnli oder Cordon bleu.» Beim Essen bleibt Wolfgang Zeit für einen Schwatz mit den Kollegen. «Ich mag das Wort ‹Kollegen› lieber als ‹Mitarbeitende›. Wir arbeiten auf Augenhöhe, wir sind aufeinander angewiesen.» Insgesamt besteht sein Team aus zwölf AFAs, elf Männern und einer Frau. Pro Schicht sind neun von ihnen anwesend. Die Führungsrolle ist neu für Wolfgang. Vor der leitenden Position im Schlachthof hatte er keine Personalverantwortung. Eine Herausforderung, die er gerne angenommen hat.

Nach dem Znüni läuft das Band wieder an. Wolfgang übernimmt noch zweimal eine Pausenvertretung. Er schätzt, dass er nicht den ganzen Tag am Band steht: «Die Arbeit erfordert eine sehr hohe Konzentration, auch wenn die AFAs auf den Positionen rotieren.» Gleichzeitig entstehen bei diesem «Nebeneinanderher-Arbeiten» ungezwungene Gespräche. «Da bekommt man schnell mit, wie die Stimmung im Team ist.»

14.15

Schichtpläne, Ferienanträge, Zeugnisse für ungeniessbare Schlachttierkörper – auch Büroarbeit gehört zu Wolfgangs Alltag. Dabei nutzt er zwei verschiedene Computer, denn der Schlachthof ist ein privater Betrieb mit eigenem IT-System. Die Arbeit als Kantonsmitarbeiter im Privatbetrieb funktioniere gut, bilanziert Wolfgang. Natürlich habe man nicht immer die gleichen Interessen, aber «wenn wir Kritik auf konstruktive Weise anbringen, wird sie gehört».

Ist alles erledigt, fährt Wolfgang nach St.Gallen. Wolfgang ist Wochenaufenthalter und fährt an den Wochenenden nach Hause zu seiner Frau. Sie führt eine Kleintierpraxis zwischen Bodensee und München, die drei Kinder sind schon erwachsen. Braucht er Abwechslung, nutzt Wolfgang sein Abo vom Theater St.Gallen. Heute Abend besucht er die Tonhalle, eine Symphonie von Brahms steht auf dem Programm. Davor bleibt Zeit für etwas Schlaf. Und für eine Dusche. Der Geruch aus der Schlachthalle sitzt noch in den Haaren.