Laura, «Raus aus der Bubble!» ist das Motto deines Präsidialjahres. Was bedeutet es?
Ich bin Vorsteherin eines vielfältigen Departements mit vielen unterschiedlichen Themen. Gerade in einem vielschichtigen Departement ist es nur möglich, die Bedürfnisse der Bevölkerung wahrzunehmen, wenn man auch mit ihr in den Dialog kommt.
Wir haben in unserem Departement sehr gute Erfahrungen damit gemacht. In unseren Ämtern haben wir viele Austausch- und Dialoggefässe geschaffen und auch viel in sie investiert. Ich möchte in meinem Präsidialjahr dazu aufrufen, dass wir alle in einen solchen Dialog treten, aufeinander zugehen und auch einmal eine andere Perspektive einnehmen. Denn ich bin überzeugt: So kommen wir zu guten Lösungen und so kommen wir gemeinsam weiter.
Hinter dem Wort «Bubble» steht ein Ausrufezeichen.
Das ist bewusst gewählt. Es soll eine Aufforderung sein. Seien wir ehrlich: Wir alle stecken ab und zu in einer Bubble fest oder haben es uns darin bequem gemacht.
Ich möchte dazu aufrufen, hinauszugehen und mit jemandem in den Austausch zu kommen, der vielleicht ein anderes Lebensalter hat, einen anderen beruflichen oder politischen Hintergrund oder aus einer anderen Gegend kommt. So können neue Sichtweisen entstehen.
Faktisch informieren sich immer mehr Menschen vorwiegend über Social Media.
Ja, man scrollt durch Reels auf Insta oder auf anderen Kanälen, und dort wird einem – Algorithmus sei Dank – dann zunehmend immer Ähnlicheres angezeigt. Die eigene Meinung wird so nur noch gefestigt und von Mal zu Mal weiter bestätigt. Dabei laufen wir Gefahr, andere Sichtweisen aus den Augen zu verlieren.
Die heutigen technischen Möglichkeiten, die eigentlich weltweite Vernetzung und neue Perspektiven zulassen würden, führen so zu einem Rückzug in die eigene Bubble. Das halte ich für gefährlich, auch für unsere Demokratie, die ja von der Meinungsvielfalt lebt.
Gut, aber alle Menschen haben doch ihre Bubbles – du sicher auch?
Sicher, ich bin natürlich auch Teil von Bubbles, sei es als Mutter, als Schweizerin, als Doppelbürgerin und selbstverständlich auch als Politikerin. Ich bin Mitglied einer Partei, und klar: Ich geniesse es auch, unter Menschen zu sein, die ähnliche politische
Ansichten haben wie ich. Das ist etwas Bequemes.
Aber gerade als Politikerin, Volksvertreterin und als Mitglied der Regierung ist es wichtig, dass ich mich nicht nur in meiner eigenen Bubble bewege. Ich muss auch andere Perspektiven, Bedürfnisse und Sichtweisen hören und sie bei meinen Entscheiden berücksichtigen.
Und was für besondere Einsichten hattest du, als du für einmal Einblick in ganz andere Realitäten hattest?
Die Coronapandemie hat gezeigt, dass viele Menschen die Einschränkungen, die wir als Regierung zum Schutz der vulnerablen Bevölkerungsgruppen beschlossen hatten, hinterfragten. Eine wichtige Perspektive habe ich bei einem späteren Besuch in einem Alters- und Pflegeheim erfahren, als mir eine Frau sagte, sie würde lieber sterben, als noch einmal so lange alleine im Zimmer eingesperrt zu sein.
Ich mache solche Erfahrungen auch heute immer wieder: Beispielsweise war ich kürzlich zu Besuch bei der Stiftung Opferhilfe. Dort wurde mir einmal mehr bewusst, in welch unglaublich privilegierter Bubble ich lebe. Dass ich keine Existenzängste habe und nicht von Gewalt betroffen bin. Die Fähigkeit, sich in Menschen mit diesen Problemen hineinzuversetzen, ist wichtig, um gute Entscheidungen zu treffen.
Wir sind hier in deinem Büro. Drei Türen weiter ist das Regierungszimmer, im Stockwerk darüber der Kantonsratssaal, der Ort der gesetzgebenden Kraft. Wie weiss man in der Polit-Bubble, dass man am Puls der Bevölkerung ist?
Der Kantonsratssaal ist ein sehr wichtiger Ort, ein Ort der Demokratie, an dem die Politikerinnen und Politiker zusammenkommen. Das Parlament repräsentiert unsere Bevölkerung und bringt damit eigentlich auch alle Bubbles aus unserer Bevölkerung zusammen, auch wenn gewisse Bubbles sicher überproportional stark vertreten sind, andere gar nicht oder zu wenig.
Wir als Regierung haben den Auftrag, immer das Interesse des Gesamtkantons im Blick zu behalten. Parlamentarierinnen und Parlamentarier bringen ihre regionalen Interessen ein. Deshalb ist der Kantonsratssaal ein Ort, an dem Kompromisse
gefunden werden und an dem es auch einen Ausgleich zwischen den verschiedenen Interessen braucht. Insgesamt könnte man das auch einen Austausch unter den unterschiedlichen Bubbles nennen. Das ist manchmal kontrovers und manchmal langwierig. Aber oft finden wir gute Lösungen, und genau das macht Politik aus.
Und wie bleibt die Regierung am Puls der Leute?
Es ist sicher wichtig, das exzellente Fachwissen unserer Mitarbeitenden in der kantonalen Verwaltung anzuzapfen und einfliessen zu lassen. Ebenso wichtig ist es für uns in der Regierung aber auch, hinauszugehen, den Austausch mit der Bevölkerung zu suchen und zu hören, was die Bedürfnisse der Anspruchsgruppen oder der Institutionen sind. So entstehen dann in Kooperation mit dem Parlament diejenigen Lösungen, die unseren Kanton vorwärtsbringen.
Was bedeutet das Präsidialjahr für dich?
Ich freue mich sehr darauf. Das Präsidialjahr ist eine Gelegenheit, auch Themen ausserhalb meines Departements zu beleuchten. Mir ist zudem ein Anliegen, dass in diesem Präsidialjahr auch die Regierung und die Verwaltung aus ihrer Bubble herauskommen. Wir möchten mit gutem Beispiel vorangehen, uns auch einmal hinterfragen, andere verstehen wollen und so gemeinsam weiterkommen.
Macht so ein Präsidialjahr auch ein bisschen nervös?
Bei mir überwiegt mit Abstand die Freude. Mir ist bewusst, dass herausfordernde Zeiten kommen können. Aber wir sind ein sehr gutes Team in der Regierung. Und wir haben ein tolles Team in der Verwaltung, von dem ich bestens unterstützt werde.
Was planst du?
Das Regierungspräsidium ist mit dem neuen Regierungsfoto gestartet. Ich habe es an der Amtsleitenden-Konferenz selbst geschossen, und zwar mit einem Selfie-Stick.
Zusammen mit der Regierung haben wir gesagt: Wir möchten aus unserer Regierungs-Bubble herauskommen. Auf dem Bild sind unsere Amtsleitenden, Generalsekretärinnen, Generalsekretäre und weitere Mitarbeitende der Verwaltung. Damit möchten wir zeigen: Das, was wir als Regierung entscheiden, ist immer auch das Ergebnis des Engagements von vielen Menschen in der Verwaltung.
Gibt es besondere Veranstaltungen?
Ich möchte alle dazu aufrufen, aus ihrer Bubble herauszukommen oder sich mit Menschen aus anderen Bubbles zu treffen. Konkret angesprochen sind Vereine, Organisationen und Gruppierungen im Kanton St.Gallen, die sich mit Menschen aus einer völlig anderen Sparte, mit ganz anderen Interessen und Hintergründen, treffen und austauschen – Jung und Alt zum Beispiel oder Künstler- und Bauarbeiterinnen. Ideen für solche Treffen kann man einreichen und einen Apéro im Regierungsgebäude gewinnen. (siehe Box)
Was ist das Ziel dieser Anlässe?
Das Ziel ist, sich zu hinterfragen: In welcher Bubble stecke ich? Es geht mir darum, dass die Leute zusammensitzen, diskutieren und unterschiedliche Perspektiven beleuchten. Ich bin sicher, dass das am Schluss ein Gewinn für beide Seiten sein wird. Genau das wollen wir mit solchen Veranstaltungen zeigen.
Deine Wünsche für das Präsidialjahr?
Ich wünsche mir, dass wir als Menschen mehr in Kontakt treten und im Austausch bleiben – und dass wir aus diesem Dialog auch eine Stärke ziehen. Es wäre schön, wenn die Menschen es als Bereicherung sehen, wenn sie sich aus der eigenen Bubble herausbewegen und ihr Verständnis für andere Perspektiven als Gewinn betrachten.
Das alles ist gerade in der aktuellen, von internationalen Krisen geprägten Zeit wichtig.
Machst du auch mit?
Regierungspräsidentin Laura Bucher wird bei ihren Auftritten im Präsidialjahr immer wieder auf das Motto «Raus aus der Bubble!» eingehen. Zudem werden einige Anlässe speziell diesem Thema gewidmet.
Angesprochen sind alle Vereine, Organisationen und Gruppierungen im Kanton St.Gallen: Habt ihr eine Idee für eine «Raus aus der Bubble!»-Veranstaltung?
Wie wäre das: Dein Verein oder deine Gruppe trifft auf eine Gruppe aus einer völlig anderen Sparte, mit ganz anderen Interessen und Hintergründen.
Interessiert? Bis am 31. August 2026 können Organisationen ein «Raus aus der Bubble!»-Treffen vorschlagen und dafür einen Apéro im Regierungsgebäude in St.Gallen gewinnen.
Mehr Infos gibt es unter Raus aus der Bubble! | sg.ch