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«Menschlichkeit kann nur so gelingen»

Wenn der Rega-Helikopter landet, schauen die meisten Kinder begeistert zu. Das Kind aus der Ukraine aber rennt in den Keller. Sarah Hauser, Leiterin Aussenbeziehungen der Staatskanzlei, hat im Sommer 2025 ukrainische Kinder im Erholungscamp begleitet – und erlebt, was Krieg mit Menschen macht.

Text Luca Ghiselli | Fotos Thomas Hary

«Menschlichkeit kann nur so gelingen»

Wenn der Rega-Helikopter landet, schauen die meisten Kinder begeistert zu. Das Kind aus der Ukraine aber rennt in den Keller. Sarah Hauser, Leiterin Aussenbeziehungen der Staatskanzlei, hat im Sommer 2025 ukrainische Kinder im Erholungscamp begleitet – und erlebt, was Krieg mit Menschen macht.

Text Luca Ghiselli | Fotos Thomas Hary

Es gibt Dinge, die weiss man. Und doch begreift man sie erst, wenn man ihren Folgen direkt begegnet. Dass in der Ukraine seit mehr als vier Jahren ein brutaler Krieg herrscht, das weiss man. Was das aber im Einzelnen bedeutet, das lässt sich erst dann wirklich erahnen, wenn die Opfer des Krieges vor einem stehen.

Kinder, die noch nie in einem Schulhaus unterrichtet worden sind, sondern während ihrer gesamten Schulkarriere immer nur im Bunker. Mütter, die sich jede Nacht neben gepackten Koffern schlafen legen. Alleinerziehend im Kriegsgebiet, weil ihre Männer an der Front gefallen sind. «Kaum nachvollziehbar», sagt Sarah Hauser, als sie das erzählt. Die Leiterin Aussenbeziehungen der Staatskanzlei ist eine von rund 50 freiwilligen Helferinnen und Helfern, die im Sommer 2025 Kindern aus der Ukraine das ermöglicht haben, woran im Krieg eigentlich nicht zu denken ist: zwei Wochen Ferien, Erholung, Kindsein.

Besonders eindrücklich sind diese Schicksale für Sarah auch deshalb, weil ihre eigene Lebensrealität so weit entfernt von dem ist, womit sie sich im vergangenen
Sommer während einer Woche konfrontiert sah. «Ich lebe ein zufriedenes und friedliches Leben. Das empfinde ich als grosses Privileg», sagt die 49-jährige Mutter einer Tochter im Primarschulalter. Sie sei ein sesshafter Mensch, sagt sie. Schon seit über 20 Jahren beim gleichen Arbeitgeber, fast so lange in gleicher Funktion. Stabilität, Sicherheit, Beschaulichkeit. Was aber nicht heissen soll, dass Sarah nicht gerne einen Blick über den sprichwörtlichen Tellerrand wirft.

Affinität zu Sprache und Region
Ihre Begeisterung für Sprachen – besonders die Slawischen – mündete im Studium am Osteuropa Institut der Universität Fribourg. Und in zahlreichen Reisen nach Osteuropa. Mit der Ukraine war Sarah also auch vor Kriegsausbruch schon vertraut. Umso mehr haben sie die Nachrichten davon erschüttert, erzählt sie. «Als dann die ukrainische Botschafterin im November 2024 St.Gallen besuchte, zeichnete sich ab, dass St.Gallen Standort eines Erholungscamps für Kinder aus der Ukraine werden könnte.» Sie habe sich sogleich als freiwillige Helferin angemeldet.

Bevor es losgehen kann, stellen sich ganz viele Fragen. Zum Beispiel: Wie begegne ich Kindern, die traumatisiert sind? Kann ich Russisch mit ihnen sprechen? Und vieles mehr. Das Schweizerische Rote Kreuz bereitet Helferinnen und Helfer auf diese und andere schwierige Aufgaben mit einem Kurs vor. Sarah erzählt von eindrücklichen Momenten, in denen die eigene «Bubble» auf ganz direkte Art und Weise spürbar wird. «Wir erhielten in diesem Rahmen die Aufgabe, in unsere eigene Vergangenheit zu blicken und eigene Traumata aufzuschreiben. Aber mir fiel schlicht nichts ein, das so einschneidend gewesen wäre», sagt Sarah.

Wegen Feuerwerk geht’s ins Ausland
Eine Woche lang hilft Sarah mit, begleitet die Gruppe zu Exkursionen, spielt mit den Kindern, unterhält sich mit den Müttern. Einmal geht es für einen Ausflug sogar über die Landesgrenze nach Vorarlberg, am 1. August nämlich. «Das Feuerwerk zum Nationalfeiertag hätte die Kinder zu stark belastet», sagt Sarah. Eine andere Anekdote zeigt exemplarisch, wie sehr laute Geräusche die Kinder aus der Ukraine belastet haben: Als der Rega-Helikopter auf dem Dach des St.Galler Kantonsspitals landet, rennt ein Kind unvermittelt in den Keller des Lagerhauses. Was hier einfach ein Helikopter ist, könnte im Kriegsgebiet tödlich sein. Es sind Geschichten wie diese, die deutlich machen, wie gross die Kluft zwischen den Realitäten ist

Auch Sarah lässt das nicht kalt. Während ihrer Einsatzwoche fliessen abends immer mal wieder Tränen. Die Geschichten, die sie zu hören bekommt, berühren sie tief und stimmen sie nachdenklich. Wie wird es diesen Familien ergehen, wenn sie wieder in ihrer Heimat sind? «Natürlich ist nach diesem Erholungscamp nicht einfach alles wieder gut», sagt sie. Und doch sei es wertvoll, Momente der Unbeschwertheit zu ermöglichen.

Würde sie es wieder tun – ihre behütete «Bubble» verlassen und sich auf diese Erfahrung einlassen? Sarah lacht: «Ich habe mich für den Sommer 2026 bereits wieder als Helferin gemeldet.» Die Begegnungen und Erfahrungen aus dem letzten Jahr hätten noch lange
nachgehallt und sie darin bestärkt, sich weiter zu engagieren. «Wir müssen uns empathisch begegnen. Nur so gelingt Menschlichkeit.» Was sie damit auch
meint: Die Nachrichten aus der Ukraine liest sie seit dieser Erfahrung anders.