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«Mein wichtigstes Werkzeug bin ich»

Als Case Managerin und Leiterin des Sozialprogramms unterstützt Karin Bon Mitarbeitende in schwierigen Lebenslagen sowie deren Vorgesetzte. Was das mit ihrem Menschenbild zu tun hat, wie wichtig Selbstfürsorge in ihrem Job ist und wieso ihr Ziel «Inklusion» heisst, erzählt sie im Gespräch mit dem Pfalzbrief.

Text Lena Müller - Bild Thomas Hary

Pfalzbrief Karin Bon 0008

Immer voller Elan. So könnte man Karin Bon beschreiben. Sie spricht schnell und engagiert und wer ihr zuhört, spürt deutlich: Die Arbeit als Case Managerin ist für sie nicht nur ein Job, sondern eine innere Überzeugung.

Seit acht Jahren arbeitet Karin Bon beim Case Management des Personalamtes. Das dreiköpfige Team unterstützt Mitarbeitende, die wegen Krankheit, Unfall oder aus anderen Gründen länger ausfallen, sowie deren Vorgesetzte. Im Gespräch mit allen Beteiligten versucht Karin herauszufinden, wo der Schuh drückt und welche Art der Unterstützung gefragt ist.

Individuelle Lösungen statt Schubladendenken

Beim Case Management gibt es keinen Standardfall. «Wir machen nicht einfach eine Schublade auf, sondern versuchen, für jede Person die optimale Unterstützung zu finden», erklärt Karin, die es sehr schätzt, auf diese Weise arbeiten zu können. Dabei gehe es stets um Hilfe zur Selbsthilfe. Sie sage den Leuten jeweils: «Ich begleite dich, unterstütze wo nötig, aber das Steuer behältst du in der Hand.»

Neben Gesprächen mit Vorgesetzten und Mitarbeitenden leisten die Case Managerinnen auch ganz konkret Hilfestellung. Etwa, wenn jemand Unterstützung beim Ausfüllen seiner IV-Anmeldung braucht – dann setzt sich Karin neben ihn an den Computer. Andere begleitet sie zu Arztterminen, um gemeinsam Optionen beim Wiedereinstieg in die Arbeit zu besprechen. Die Häufigkeit des Kontaktes ist dabei sehr unterschiedlich. Mit einigen telefoniert sie wöchentlich, anderen machen zu viele Termine Druck: «Und Druck erzeugt Gegendruck, das ist nie gut.»

Druck erzeugt Gegendruck. Das ist nie gut.

Das Ziel des Case Managements ist, die Mitarbeitenden wieder in den Arbeitsprozess einzugliedern, um Arbeitsplatzverlust und IV-Renten zu vermeiden. Nicht in allen Fällen gelingt das. Manchmal sei es auch die bessere Lösung, einen Schnitt zu machen und einen neuen Weg zu suchen, sagt Karin und ergänzt: «Die erfolgreichen Fälle sind für mich jene, bei denen auf der persönlichen Ebene ein Prozess passiert und aus der Krise auch etwas Positives entstehen kann.»

Klare Kommunikation – auch wenn es unbequem wird

Die Stellung der Case Managerin zwischen Vorgesetzten und Mitarbeitenden ist nicht immer einfach. «Ich sehe meine Position ganz klar in der Mitte», betont Karin. Sie gibt aber zu, dass dies manchmal herausfordernd ist: «Dass es einen mal auf eine Seite zieht, ist wohl menschlich.» Wichtig sei, sich immer wieder selbst zu reflektieren: «Wo stehe ich jetzt gerade?» Kommt sie zum Schluss, dass ein Gespräch unglücklich gelaufen ist, ruft sie die betroffene Person an und spricht das offen an. Klarheit und Transparenz sind für die 45-Jährige wichtige Werte, die sie lebt und auch von ihrem Gegenüber fordert. Genauso wichtig ist, dass die Inhalte der Gespräche streng vertraulich sind.

Bei der Arbeit gebe ich alles. Aber am Wochenende ist Wochenende.

Karins positives Menschenbild ist ein weiterer Eckpfeiler für ihre Arbeit: «Ich gebe allen einen Vertrauensvorschuss.» Sie ist überzeugt: «Die Menschen machen das, was für sie in der jeweiligen Situation Sinn macht.» Ist jemand in einer Krise, ist sein Verhalten nicht immer nachvollziehbar. Dann ist es Karins Aufgabe, zwischen den Parteien Übersetzungsarbeit zu leisten.

Auftanken in Bewegung

Ihre Arbeit hat Karin Bon gezeigt, wie wertvoll Gesundheit ist: «Das macht mich demütig. Man weiss nie, was morgen passiert.» Nimmt sie die schwierigen Schicksale manchmal auch in Gedanken mit nach Hause? Karin hat gelernt, sich abzugrenzen: «Wenn ich bei der Arbeit bin, gebe ich alles, aber wenn Wochenende ist, ist Wochenende.» Auf dem Bauernhof in Arnegg, wo sie mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern lebt, kann sie abschalten – am liebsten in Bewegung beim Spazieren mit ihrem Hund, beim Joggen oder Wandern. Diese Selbstfürsorge lebt sie ganz bewusst, denn: «Als Beraterin bin ich selbst mein wichtigstes Werkzeug. So wie ein Handwerker seine Arbeitsgeräte pflegen muss, damit sie präzis bleiben, muss ich mir Sorge tragen, um gut arbeiten zu können.»

Integration dank Sozialprogramm

Sorge tragen muss ihrer Meinung nach auch der Arbeitgeber seinen Mitarbeitenden. Er darf sich nicht einfach aus der Verantwortung ziehen, falls jemand aus dem Arbeitsprozess fällt. «Wenn wir es nicht schaffen, jemanden wieder bei uns einzugliedern, dann geht es die ganze Gesellschaft etwas an», ist Karin Bon überzeugt, spätestens dann nämlich, wenn die Person auf Sozialhilfe angewiesen ist. Um dieser Verantwortung gerecht zu werden, betreibt der Kanton seit 2007 das Sozialprogramm, welches Karin Bon leitet. Es ermöglicht die Integration von Mitarbeitenden mit eingeschränkter Leistungsfähigkeit – dank individuell angepassten Arbeitsplätzen, Beratung durch das Case Management sowie finanzieller Unterstützung vom Sozialkredit des Personalamtes. Aktuell gibt es 47 Arbeitsplätze im Rahmen des Sozialprogramms und es sollen weitere dazukommen.

Ziel: Inklusion

Mit der Integration ist für Karin Bon die gesellschaftliche Aufgabe aber noch nicht erfüllt. Was sie anstrebt, ist Inklusion. Dabei wird die Vielfalt zur Normalität und die Rahmenbedingungen werden an die Bedürfnisse der einzelnen Menschen angepasst, nicht umgekehrt. Jede Person soll sich ihren Ressourcen entsprechend gleichberechtigt und selbstbestimmt einbringen können. Karin sieht darin einen Gewinn für die ganze Gesellschaft: «Wir alle können unser Potenzial am besten ausschöpfen, wenn das Umfeld stimmt.» Doch wie realistisch ist eine inklusive Arbeitswelt? «Eine Kultur zu ändern, braucht Zeit. Aber wir sind gemeinsam unterwegs in diese Richtung, das ist das Wichtigste.»

Neue Kampagne für Vielfalt und Inklusion

Die Kampagne soll Vorgesetzte und Mitarbeitende zum Thema Inklusion sensibilisieren, zum Nachdenken anregen und helfen, Vorurteile abzubauen. HR-Fachexpertin Sabrina De Vries leitet zusammen mit Karin Bon die Sensibilisierungskampagne.

Sabrina, warum lohnt es sich für den Kanton als Arbeitgeber, Inklusion zu fördern?
Als attraktiver und moderner Arbeitgeber kann man es sich nicht mehr leisten, das Thema Inklusion zu ignorieren. Auch im Hinblick auf den Arbeitskräfte- und Fachkräftemangel müssen wir als Arbeitgeber offener und diverser werden. Wenn man bedenkt, dass 1,8 Millionen Menschen in der Schweiz mit einer Behinderung leben, müssen wir auch hier die besten Talente rekrutieren und für uns gewinnen.

Was wurde beim Kanton bereits erreicht?
Die Regierung hatte die Notwendigkeit bereits vor einigen Jahren erkannt und in der letzten Amtsdauer das Schwerpunktziel «Stellen für Menschen mit Behinderungen» definiert. Das ist eine gute Basis, auf der wir aufbauen können. Wichtig ist nun, dass unsere Vorgesetzten und Mitarbeitenden zu diesem Thema sensibilisiert werden und allfällige Vorurteile abbauen.

Wo besteht der grösste Handlungsbedarf?
Laut Studien versucht ein Grossteil der Arbeitnehmenden mit nicht-sichtbaren Behinderungen, ihre Einschränkungen zu verstecken. Es darf nicht sein, dass Mitarbeitende ständig mit dem Druck, «hoffentlich merkt’s keiner», leben. Wir müssen unseren eigenen Mitarbeitenden das Vertrauen geben, sich öffnen zu können. Personen mit Behinderungen sollen wissen, dass sie ihre Behinderung beim Rekrutierungsgespräch oder sogar schon im Bewerbungsschreiben offenlegen können, da wir intern keine Differenzierung machen und alle gleichbehandeln.

Ein Jahr Vorbereitung

Im Fokus der Kampagne Vielfalt und Inklusion stehen elf Mitarbeitende des Kantons mit sichtbaren und nicht-sichtbaren Behinderungen. An der Entwicklung war neben einem internen Projektteam auch die Plattform EnableMe der Stiftung MyHandicap beteiligt. Start der Kampagne ist Mitte Oktober.