«Der Genderstern ist Fluch und Segen»

Rahel Fenini ist Gleichstellungsbeauftragte des Kantons St.Gallen. Zusammen mit ihrem Team setzt sie unter anderem Projekte um, die queere Anliegen zum Thema machen.

Text: Thomas Zuberbühler, Leiter Kommunikation Staatskanzlei

«Der Genderstern ist Fluch und Segen»

Rahel Fenini ist Gleichstellungsbeauftragte des Kantons St.Gallen. Zusammen mit ihrem Team setzt sie unter anderem Projekte um, die queere Anliegen zum Thema machen.

Text: Thomas Zuberbühler, Leiter Kommunikation Staatskanzlei

Queer, woke, Gender – deine Arbeit ist mit Schlagwörtern gespickt, die momentan die Emotionen hochgehen lassen. Wovon reden wir eigentlich, wenn wir von queer sprechen?
Unsere Gesellschaft geht überwiegend davon aus, dass es zwei Geschlechter gibt: Mann und Frau. Zudem gilt in unserer Gesellschaft Heterosexualität als das «Normale». «Queer» ist eine Bezeichnung für alle sexuellen Orientierungen sowie Geschlechtsidentitäten, die nicht dieser gesellschaftlichen Norm entsprechen.

Mehr Geschlechtsidentitäten als Mann und Frau – das wird bei manchen Leserinnen und Lesern Kopfschütteln auslösen. Kannst du dies nachvollziehen?
Ja, das kann ich gewissermassen nachvollziehen. Unser Geschlecht macht einen grossen Teil unserer Identität aus. Unsere Gesellschaft ist stark danach ausgerichtet. Die klare Unterteilung in Mann oder Frau gibt Sicherheit. Wenn es nun Personen gibt, die sagen, sie bewegten sich zwischen diesem Spektrum, dann verstehe ich, dass dies Unsicherheit auslöst. Weil es die bestehende Norm infrage stellt.

Sprache ist wichtig. Ich sage immer: Wer nicht zur Sprache kommt, wird gedanklich ausgeblendet.

Rahel Fenini

Kampagnen zu queeren Themen sind in den politischen Fokus gerückt. Kaum eine Aktion, die nicht politisch kommentiert wird. Weshalb?
Weil das Thema emotional aufgeladen ist, eignet es sich sehr gut, damit zu politisieren. Oftmals spricht man dann aber nicht mit den Personen, welche aus den queeren Communitys kommen, sondern nur über sie. Das ist schade.

Wie würdest du den Reifegrad der Verwaltung bei queeren Themen beschreiben?
Die Bereitschaft ist da, sich mit den Themen auseinanderzusetzen. Aber es gibt noch Potenzial. Aus meiner Sicht müssen die Signale nach aussen auch gegen innen gelebt werden. Wenn wir in Stelleninseraten zum Beispiel offen für unterschiedliche Geschlechtsidentitäten sind (m/w/d), dann müssen wir dies auch gegen innen umsetzen. Sonst sind wir nicht konsequent.

Hast du gewusst?
Die Bezeichnung «queer» stammt vom deutschen Wort quer ab. Die kantonale Gleichstellungsförderung fokussiert nicht nur auf queere Anliegen, sondern auch auf die Gleichstellung der Geschlechter in den Bereichen Erwerbsleben, Bildung und Berufswahl. Zudem engagiert sie sich für vereinbarkeitsfördernde Massnahmen und gegen geschlechtsspezifische Gewalt. Die Gleichstellung der Geschlechter ist in der schweizerischen Bundesverfassung verankert und somit Verfassungsauftrag. Der Kanton St.Gallen hat den entsprechenden Paragrafen in die Kantonsverfassung übernommen. Seit dem Jahr 1996 regelt das schweizweit geltende Gleichstellungsgesetz die Gleichstellung von Frau und Mann im Erwerbsleben. Seit dem Jahr 2001 gibt es die kantonale Fachstelle Gleichstellung zur Umsetzung des Verfassungsauftrags auf kantonaler Ebene.

Ist der Genderstern Fluch oder Segen für deine Arbeit?
Sowohl als auch. Segen, weil der Genderstern Eisbrecher für ein Gespräch sein kann. Nicht selten fragen Personen nach, was der Stern bedeutet und für was oder wen er steht. Das ist eine gute Gelegenheit, über diverse Geschlechtsidentitäten zu sprechen. Grundsätzlich ist Sprache sehr wichtig, wenn es um Gleichstellung geht. Ich sage immer: Wer nicht zur Sprache kommt, wird gedanklich ausgeblendet. Wollen wir uns also um die tatsächliche Gleichstellung aller Geschlechter bemühen, gilt es diese auch sprachlich sichtbar zu machen. Der Genderstern ist ein Instrument dazu.

Und was ist der Fluch?
In der Diskussion um den Genderstern geht das Essenzielle oftmals verloren. Man diskutiert, ob der Stern die Sprache zerstöre, anstatt über die Gleichstellung von Menschen mit anderen Geschlechtsidentitäten zu sprechen.

Es gibt auch Stimmen, die sagen, still sein wäre für die Community zielführender, um Akzeptanz zu erlangen. Kann eure Arbeit also auch kontraproduktiv sein?
Wir versuchen, in unserer Arbeit stark mit Personen aus der queeren Community zusammenzuarbeiten, um mehr über ihre Bedürfnisse zu erfahren. So finden wir auch heraus, ob sie in einer gewissen Frage die Öffentlichkeit wollen oder nicht. Natürlich sind wir vor allem mit aktivistischen Menschen im Kontakt, die ihre Anliegen nach aussen tragen wollen. Selbstverständlich gibt es auch queere Personen, die diese Sichtbarkeit nicht wollen, und das ist auch in Ordnung. Diese Heterogenität gibt es in vielen Bewegungen. Ich bin aber der Überzeugung, dass es laute, «unbequeme» Stimmen braucht, um Veränderungen anzustossen.

Kritikerinnen und Kritiker fragen, weshalb queere Menschen ihre sexuelle Orientierung immer zum Thema machen müssten?
Heterosexuelle Personen machen ihre Sexualität ebenso immer zum Thema, nur merken sie es nicht. Denken wir an Verlobungen, Hochzeiten oder an den Valentinstag. Ebenso küssen sich heterosexuelle Personen in der Öffentlichkeit oder halten Händchen – ohne sich darüber Gedanken zu machen. Es ist Heterosexualität, die stets zur Schau gestellt wird. Nur fällt uns das nicht auf, weil wir uns daran gewohnt sind.