Ihr seid beide seit Juni 2024 Mitglieder der Regierung. Kann man sagen, dass ihr angekommen seid?
Bettina: Ja, ich finde schon. Der Einstieg war steil: Ich habe mir viel Wissen in kurzer Zeit angeeignet. Aber jetzt habe ich das Gefühl, ich bin auf einem gewissen Level angekommen. Trotzdem gibt es immer wieder Themen, bei denen ich mich in den Ämtern rückversichere.
Christof: Nach neun Monaten kann man tatsächlich sagen: Ich bin angekommen. Es ist, wie Bettina es beschrieben hat, ein Kaltstart. Man kommt am 1. Juni und dann heisst es: Das ist jetzt dein Departement. Natürlich konnte ich auf die Unterstützung aus dem Generalsekretariat und von den Amtsleitenden zählen. Aber es war schon sehr intensiv.
Neuer Departementsvorsteher, neuer Generalsekretär, neue Kommandantin der Kantonspolizei. Im Sicherheits- und Justizdepartement war zuletzt viel Bewegung drin. Das hat den Start nicht erleichtert.
Christof: Ja. Wobei ich den Vorteil hatte, dass der damalige Generalsekretär Hans-Rudolf Arta bei meinem Amtsantritt noch sechs Wochen lang im Departement tätig war. Er hat mich in dieser Zeit tatkräftig unterstützt. Aber ab Mitte Juli lief für die Stelle des Generalsekretärs der Bewerbungsprozess. Hinzu kam die Spezialherausforderung mit der vakanten Kommandantenstelle bei der Kantonspolizei. Hier ist es uns in der Regierung gelungen, mit Barbara Reifler eine bestens geeignete Person zu wählen. Jetzt sind wir vollzählig und das Departement auf gutem Weg.
Auch im Bildungsdepartement kam es zu einem Doppelwechsel an der Spitze. Bei deinem Amtsantritt war die Stelle des Generalsekretärs vakant.
Bettina: Das fand ich auch anspruchsvoll. Ich musste eine Stelle besetzen, von der ich selbst nicht genau wusste, was es braucht. Ich war schliesslich auch neu. Als wir im Sommer dann eine kurze Pause hatten, wurde mir klar: Es wäre ein Fehler, auf das Wissen zu verzichten, das Franziska Gschwend aus ihrer langjährigen Tätigkeit im Departement mitbringt. Sie ist ein grosser Gewinn.
Gibt es etwas, das ihr in den ersten Monaten im Amt an euren Mitarbeitenden besonders schätzen gelernt habt?
Bettina: Die hohe Fachlichkeit. Ich komme mit einem politischen Blick und sie mit einer fachlichen Perspektive. Das zusammenzubringen, ist nicht immer einfach, aber es funktioniert gut. Und das schätze ich sehr. Auch für sie war es eine Umstellung: Stefan Kölliker war 16 Jahre lang Departementsvorsteher, dann kommt jemand Neues. Das haben sie gut angenommen und mir geholfen, indem sie mir das nötige Wissen vermittelt haben.
«Es ist sehr intensiv. Die Tage haben keinen Anfang und kein Ende.»
Bettina Surber, Vorsteherin des Bildungsdepartementes
Christof, du hast genickt. Findest du dich wieder in den Schilderungen?
Christof: Ja, ich habe die Offenheit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sehr geschätzt. Vor allem der engsten Mitarbeiter. Fredy Fässler war 12 Jahre lang Vorsteher, Hans-Rudolf Arta 24 Jahre lang Generalsekretär. Sie haben das Departement geprägt. Wenn dann ein Neuer kommt, müssen sie manche Dinge vielleicht zwei, drei Mal erklären. Dabei haben sie grosse Gelassenheit bewiesen.
Wie hat sich euer Alltag seit dem Amtsantritt verändert?
Bettina: Es ist sehr intensiv. Die Tage haben eigentlich keinen Anfang und kein Ende. Und die Wochen auch nicht. Man ist sozusagen am Dauerarbeiten. Die Agenda macht sich selbst, meine Termine sind gesetzt. Das war für mich, die vorher als Anwältin selbstständig war, eine grosse Umstellung. Andererseits ist es entlastend, weil ich mir nicht im gleichen Mass überlegen muss, wie viel Zeit ich wofür einsetze. Ich muss mir die Frage gar nicht stellen.
Christof: Als ich Mitte Mai für einen ersten Besuch im Departement vorbeiging, hat mir Hans-Rudolf Arta den Terminkalender ausgedruckt hingelegt. Meine erste Reaktion war: wow. Von morgens bis abends bist du zugebucht. Ich habe mir jetzt bewusst Freiräume geschaffen. Wenn ich von Sitzung zu Sitzung zu Sitzung rennen würde, hätte ich gar keine Zeit, all die Informationen zu verarbeiten.
Spätestens seit den vielen Absagen im Rennen um die Nachfolge von Bundesrätin Viola Amherd ist die Work-Life-Balance von Politikerinnen und Politikern in aller Munde. Wie gut ist es euch gelungen, das Gleichgewicht zu finden?
Bettina: Sehr gut, finde ich. Am Morgen bin ich in der Regel zu Hause, bis meine Tochter in die Schule geht. Wenn es irgendwie geht, halte ich mir den Sonntag frei für Familienzeit – die Lektüre von Regierungsgeschäften mal ausgenommen.
Christof: Ich habe auch das Gefühl, eine gute Work-Life-Balance zu haben. Wenn man sich für eine Kandidatur in die Regierung entscheidet, muss man
sich bewusst sein, dass die Arbeitstage nicht von 9 bis 17 Uhr gehen. Ich verlasse das Haus morgens zwischen 5 und 5.30 Uhr, dann schlafen meine Frau und die drei Kinder noch. Wenn immer möglich, versuche ich, am Abend die Kinder noch wach zu sehen. Wenn ich gegen 20 Uhr zu Hause bin, klappt das.
Ihr wart vor eurem Amtsantritt viele Jahre im Kantonsrat aktiv und konntet somit ahnen, was auf euch zukommt. Gab es trotzdem etwas, das euch überrascht hat?
Bettina: Das Fremdbestimmtsein, das ich vorhin erwähnt habe. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie sich eine Agenda einfach so füllt (lacht). Was ich sehr positiv finde, ist die wertschätzende Zusammenarbeit in der Regierung.
Christof: Die Offenheit in der Regierung gefällt mir. Auch das Verständnis für andere Meinungen innerhalb des Gremiums. Niemand muss Angst haben, seine Haltung in der Regierung zu vertreten. Das hat aber auch mit uns als Personen in der Regierung zu tun. Und noch etwas hat mich überrascht …
Bitte.
Christof: Als Präsident der Finanzkommission des Kantonsrates dachte ich, ich habe ein tiefes Verständnis davon, wie unser Staat funktioniert. In der neuen Funktion habe ich aber ganz neue Zusammenhänge und Abläufe erkannt, das war mir zuvor nicht bewusst.
Bettina: Stimmt. Bevor ein Geschäft in die Regierung kommt, geht es bei anderen Departementen in den Mitbericht. Das stellt sicher, dass es breit abgestützt ist. Von diesen Abläufen macht man sich von aussen weniger ein Bild. Und fragt sich deshalb schneller, warum es so lange geht.
«Egal welches Parteibüchlein wir haben. Wir sind für den Kanton da.»
Christof Hartmann, Vorsteher des Sicherheits- und Justizdepartementes
Gewissermassen repräsentiert ihr die Vielfalt des Kantons: sozialdemokratische Frau aus der Hauptstadt, bürgerlicher Mann aus dem ländlich geprägten Süden des Kantons. Würdet ihr das auch so beschreiben?
Christof: Egal, woher wir kommen und welches Parteibüchlein wir haben: Wir sind für den Kanton da. Selbstverständlich ist es wünschenswert, wenn die Vielfalt in der Regierung abgebildet ist. Dass etwa die Stadt vertreten ist, war den Stimmberechtigten dort ein Bedürfnis. Auch dem Süden ist es gelungen, wieder in die Regierung zu kommen. Das ist nicht unwesentlich.
Bettina: Diesen repräsentativen Aspekt gibt es. Aber in der Regierungsarbeit geht es oft um sachliche Diskussionen. Natürlich vertreten wir nicht immer die gleiche Meinung. Aber wir haben auch nicht die Ellenbogen draussen.
Zum Schluss: Was treibt euch an?
Bettina: Als wir die Departemente verteilten, waren wir uns einig. Ich wollte sehr gerne ins Bildungsdepartement. Da kann man die Zukunft gestalten – vom Kanton und von der ganzen Gesellschaft. Ein starker Bildungskanton St.Gallen mit hoher Chancengerechtigkeit ist mir wichtig und schafft auch die Grundlagen für eine prosperierende Wirtschaft. Wir bilden schliesslich die Arbeitskräfte von morgen aus.
Christof: Ich wurde Anfang der 1990er-Jahre mit der EWR-Abstimmung politisiert. Ich war 16 Jahre alt und Kantischüler. Das hat mich bis heute begleitet. Ich wurde Präsident der Ortspartei, später Gemeinderat und habe die «Ochsentour» gemacht. Als es um die Departementsverteilung ging, waren wir uns tatsächlich einig. Sicherheit ist ein Grundbedürfnis. Sie ist die Grundlage für alles andere, was der Staat bieten kann.